Das iSAQB Software Architecture Gathering 2024
Vom 11. bis 14. November 2024 fand in Berlin das Software Architecture Gathering des iSAQB statt — die größte Konferenz für Softwarearchitektur im deutschsprachigen Raum. Rund 45 Sessions verteilten sich auf drei Konferenztage und einen Workshop-Tag. Die Veranstaltung richtet sich an die mittlerweile über 30.000 iSAQB-zertifizierten Architekten weltweit und bietet damit einen guten Querschnitt dessen, was die Community aktuell bewegt.
Das dominierende Thema 2024: Künstliche Intelligenz. Etwa 18 % des Programms drehten sich explizit um KI — ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. Microservices, jahrelang das Dauerthema jeder Architekturkonferenz, spielten dagegen kaum noch eine Rolle. Ein Paradigmenwechsel in der Aufmerksamkeitsökonomie der Branche.
Die Vorträge im Detail
Tiger Alert — Gernot Starke
Gernot Starke, Mitgründer von arc42, lieferte einen Überblick über Daniel Kahnemans Dual-Process-Theorie: System 1 (schnell, intuitiv, fehleranfällig) versus System 2 (langsam, analytisch, zuverlässig). Der Vortrag war unterhaltsam aufbereitet, blieb aber an der Oberfläche — der Transfer auf konkrete Architekturentscheidungen fehlte weitgehend. Wer Kahnemans „Thinking, Fast and Slow” gelesen hat, nahm wenig Neues mit.
Generative AI Meets Software Architecture — Lars Rövekamp
Lars Rövekamp gab eine solide Einführung in die Welt der Large Language Models und deren Architekturimplikationen. Besonders eindrücklich: die Trainingskosten aktueller LLMs von über 50 Millionen US-Dollar pro Modell. Als architektonische Antwort auf die Grenzen von LLMs stellte er Retrieval-Augmented Generation (RAG) vor — ein Pattern, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Konferenz zog.
The Architecture of Reliable AI: RAG — Robert Glaser
Robert Glaser vertiefte das RAG-Thema mit einem Fokus auf hybride Retrieval-Strategien. Sein zentrales Argument: Weder reine Vektorsuche noch klassische Volltextsuche allein liefern zuverlässige Ergebnisse. Erst die Kombination beider Ansätze — Hybrid Retrieval — erreicht die Qualität, die für produktive Systeme notwendig ist. Ein technisch fundierter Talk, der die praktischen Herausforderungen bei der Implementierung von RAG-Systemen nicht beschönigte.
Event Sourcing — Allard Buijze
Allard Buijze, bekannt als Schöpfer des Axon Frameworks, lieferte eine historische Einordnung von Event Sourcing und dessen Zusammenspiel mit Domain-Driven Design und CQRS. Der Vortrag war methodisch sauber und zeigte gut, warum Event Sourcing kein Allheilmittel ist, sondern ein Werkzeug, das seinen Kontext braucht. Für Einsteiger ins Thema ein hervorragender Überblick.
Architects Aren’t the Smartest in the Room — Gregor Hohpe
Das Highlight der Konferenz. Gregor Hohpe — Autor von „Enterprise Integration Patterns” und „The Software Architect Elevator” — sprach über die eigentliche Aufgabe von Architekten: nicht die klügste Person im Raum zu sein, sondern alle anderen klüger zu machen.
Don’t dumb things down — make others smarter. Use abstractions and analogies to bridge the gap between technical complexity and organizational understanding.
Sein Kernargument: Architekten scheitern nicht an fehlendem Wissen, sondern an mangelnder Kommunikationsfähigkeit. Wer komplexe technische Sachverhalte nur vereinfacht, verliert den Kern. Wer sie stattdessen durch Abstraktionen und Analogien zugänglich macht, schafft echtes Verständnis. Ein Plädoyer für den Architekten als Übersetzer zwischen den Welten — vom Maschinenraum bis zur Chefetage.
Fazit
Das Software Architecture Gathering 2024 zeigte deutlich: RAG ist der architektonische Konsens, wenn es um den produktiven Einsatz von KI geht. Die Konferenz bleibt eine wertvolle Plattform für den Austausch der deutschsprachigen Architektur-Community — auch wenn die Beschränkung auf Beginner- und Intermediate-Level die inhaltliche Tiefe begrenzt. Wer seit Jahren im Architekturumfeld arbeitet, erlebt mehr Bestätigung als Überraschung. Aber manchmal ist genau das der Wert: zu sehen, dass die eigenen Überzeugungen vom Mainstream geteilt werden.
Geschäftsführer
Michael Schwarze ist Geschäftsführer von atra consulting und erfahrener Softwareentwickler, -architekt und -manager mit über 30 Jahren Erfahrung. Er hat in Startups und Konzernen gearbeitet und begeistert sich für moderne Softwarearchitekturen und dynamisch-typisierte Sprachen.