Einführung
Die OOP — eine der traditionsreichsten Konferenzen im deutschsprachigen Softwareumfeld — hat 2026 erstmals im MOC Event Center in München stattgefunden. Nach vielen Jahren im ICM war der Umzug überfällig: Das MOC bietet mehr Platz, bessere Infrastruktur und eine angenehmere Atmosphäre für die rund 2.000 Teilnehmenden.
Das Motto „Embrace Change” passte dabei nicht nur zum neuen Veranstaltungsort. Es zog sich wie ein roter Faden durch das Programm — von der Keynote bis zu den technischen Deep Dives. Geschätzt 30 bis 40 Prozent der Vorträge hatten einen direkten oder indirekten Bezug zu künstlicher Intelligenz. Das ist deutlich mehr als bei anderen Konferenzen, die wir dieses Jahr besucht haben, und spiegelt die Realität wider: KI ist in der professionellen Softwareentwicklung angekommen — als Werkzeug, als Herausforderung und als Diskussionsgegenstand.
KI-Durchdringung
30–40 % der Talks mit KI-Bezug. KI ist nicht mehr Nische, sondern durchdringt alle Disziplinen.
Architektur & Craft
Softwarearchitektur und Craftsmanship als Gegengewicht zur KI-Euphorie. Bewährte Prinzipien bleiben relevant.
Interdisziplinäre Impulse
Von Biologie über Compliance bis Datenschutz — die OOP bleibt bewusst breit aufgestellt.
Keynote: Max Schrems — Digitale Souveränität und DSGVO
Die Eröffnungskeynote hielt Max Schrems, bekannt durch seine erfolgreichen Klagen gegen Meta vor dem EuGH (Schrems I und Schrems II). Sein Vortrag war weniger technisch als politisch — und gerade deshalb wertvoll für ein Publikum, das sich sonst vor allem mit Code beschäftigt.
Schrems zeichnete ein ernüchterndes Bild der aktuellen Datenschutzpraxis: Die DSGVO sei ein gutes Gesetz, werde aber in vielen Mitgliedstaaten unzureichend durchgesetzt. Die Aufsichtsbehörden seien personell und finanziell unterbesetzt. Gleichzeitig steige durch den Einsatz von KI-Systemen der Bedarf an robustem Datenschutz massiv — insbesondere bei Trainingsdaten, die häufig ohne explizite Einwilligung verarbeitet werden.
Lean Compliance — Felix Rüssel
Felix Rüssel zeigte in seinem Vortrag einen pragmatischen Ansatz für regulierte Umgebungen. Sein Kernargument: Compliance und Agilität sind kein Widerspruch, wenn man Compliance als Qualitätsmerkmal begreift und nicht als nachgelagerten Prüfprozess.
Statt umfangreicher Dokumentation nach Wasserfall-Muster plädierte er für leichtgewichtige, in den Entwicklungsprozess eingebettete Compliance-Artefakte: automatisierte Policy-Checks in der CI/CD-Pipeline, Living Documents statt statischer Word-Dokumente und eine enge Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und Compliance-Teams von Beginn an.
Große Softwaresysteme mit LLMs analysieren — Michael Stal (Siemens)
Michael Stal von Siemens stellte SARA vor — ein internes Tool zur Analyse großer, gewachsener Softwaresysteme mithilfe von Large Language Models. Der Anwendungsfall ist nachvollziehbar: Legacy-Systeme mit Millionen Zeilen Code, lückenhafter Dokumentation und wenigen verbliebenen Wissensträgern.
SARA nutzt LLMs, um Codebasen zu durchsuchen, Abhängigkeiten zu identifizieren und Architekturmuster zu erkennen. Die Ergebnisse werden als navigierbare Wissenslandkarten aufbereitet, die neuen Teammitgliedern den Einstieg erleichtern sollen.
Wie die Natur Probleme löst — Anna Melbinger
Ein erfrischend anderer Talk: Anna Melbinger, Physikerin und Forscherin, zeigte biologische Strategien für Problemlösung und deren Übertragbarkeit auf Softwaresysteme. Von evolutionären Algorithmen über Schwarmverhalten bis hin zu Resilienzmustern in Ökosystemen — der Vortrag war ein Plädoyer dafür, über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen.
Besonders interessant war ihre Darstellung von Redundanz in biologischen Systemen: Die Natur baut selten effizient, aber fast immer robust. Ein Prinzip, das in der Softwarearchitektur — wo Effizienz oft über Resilienz gestellt wird — zum Nachdenken anregt.
KI-unterstütztes Programmieren — Birgitta Böckeler (Thoughtworks)
Birgitta Böckeler von Thoughtworks lieferte einen der fundiertesten KI-Vorträge der Konferenz. Statt allgemeiner Begeisterung oder pauschaler Skepsis differenzierte sie klar zwischen den verschiedenen Einsatzszenarien von KI in der Softwareentwicklung.
Ihr zentrales Konzept: die Unterscheidung zwischen Agentic Engineering und Context Engineering. Agentic Engineering beschreibt den Einsatz von KI-Agenten, die eigenständig Aufgaben übernehmen — von der Code-Generierung bis zur Testautomatisierung. Context Engineering hingegen fokussiert darauf, dem KI-System den richtigen Kontext zu liefern: Architekturentscheidungen, Coding-Standards, Domänenwissen.
Missverständnisse zu Softwarearchitektur — Carola Lilienthal
Carola Lilienthal räumte in gewohnt klarer Art mit verbreiteten Missverständnissen auf. Softwarearchitektur sei weder ein einmaliger Entwurf noch die Aufgabe einer einzelnen Person. Architektur entstehe kontinuierlich — durch jede Designentscheidung, jeden Commit, jedes Gespräch über Struktur.
Besonders eindrücklich war ihre Analyse der Diskrepanz zwischen geplanter und tatsächlicher Architektur: In den meisten Projekten weicht die reale Struktur des Codes erheblich von den Architekturdiagrammen ab. Nicht weil die Teams schlecht arbeiten, sondern weil sich Anforderungen ändern und der Druck des Tagesgeschäfts architektonische Erosion begünstigt.
Was Craftsmanship ausmacht — Marco Achtziger
Marco Achtziger stellte das Software Craftsmanship Manifesto in den Kontext aktueller Entwicklungen. Sein Argument: Gerade in einer Zeit, in der KI-Tools Code generieren können, wird handwerkliche Qualität wichtiger — nicht unwichtiger.
Craftsmanship bedeute nicht, alles von Hand zu schreiben. Es bedeute, Verantwortung für die Qualität des Ergebnisses zu übernehmen — unabhängig davon, ob der Code von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurde. Die Fähigkeit, generierten Code zu bewerten, zu refactoren und in bestehende Systeme zu integrieren, werde zur entscheidenden Kompetenz.
Fazit
Die OOP 2026 hat gezeigt, dass die Branche in einer Phase des Umbruchs steckt, in der KI und traditionelles Softwarehandwerk keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Die besten Vorträge waren nicht die, die KI als Allheilmittel präsentierten, sondern die, die ehrlich über Kosten, Grenzen und die bleibende Relevanz bewährter Prinzipien sprachen.
Der neue Veranstaltungsort im MOC hat der Konferenz gutgetan. Mehr Platz, bessere Räume und eine Atmosphäre, die zum Netzwerken einlädt. Wir kommen 2027 wieder.
Geschäftsführer
Michael Schwarze ist Geschäftsführer von atra consulting und erfahrener Softwareentwickler, -architekt und -manager mit über 30 Jahren Erfahrung. Er hat in Startups und Konzernen gearbeitet und begeistert sich für moderne Softwarearchitekturen und dynamisch-typisierte Sprachen.