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Software Engineering KI Konferenz

OOP 2026: Zwischen KI und (Software-)Handwerk

Michael Schwarze
Abstrakte Konferenzarchitektur

Einführung

Die OOP — eine der traditionsreichsten Konferenzen im deutschsprachigen Softwareumfeld — hat 2026 erstmals im MOC Event Center in München stattgefunden. Nach vielen Jahren im ICM war der Umzug überfällig: Das MOC bietet mehr Platz, bessere Infrastruktur und eine angenehmere Atmosphäre für die rund 2.000 Teilnehmenden.

Eine Übersicht verschiedener Perspektiven auf die OOP 2026: Der Veranstaltungsort MOC München von außen, der Vorraum mit Aussteller-Bereichen und ein Blick auf die Bühne der Eröffnungsansprache
Impressionen vom neuen Veranstaltungsort MOC in München

Das Motto „Embrace Change” passte dabei nicht nur zum neuen Veranstaltungsort. Es zog sich wie ein roter Faden durch das Programm — von der Keynote bis zu den technischen Deep Dives. Geschätzt 30 bis 40 Prozent der Vorträge hatten einen direkten oder indirekten Bezug zu künstlicher Intelligenz. Das ist deutlich mehr als bei anderen Konferenzen, die wir dieses Jahr besucht haben, und spiegelt die Realität wider: KI ist in der professionellen Softwareentwicklung angekommen — als Werkzeug, als Herausforderung und als Diskussionsgegenstand.

KI-Durchdringung

30–40 % der Talks mit KI-Bezug. KI ist nicht mehr Nische, sondern durchdringt alle Disziplinen.

Architektur & Craft

Softwarearchitektur und Craftsmanship als Gegengewicht zur KI-Euphorie. Bewährte Prinzipien bleiben relevant.

Interdisziplinäre Impulse

Von Biologie über Compliance bis Datenschutz — die OOP bleibt bewusst breit aufgestellt.

Blick auf die verschiedenen thematischen Tracks der Konferenz
Die thematischen Tracks der OOP 2026

Keynote: Max Schrems — Digitale Souveränität und DSGVO

Die Eröffnungskeynote hielt Max Schrems, bekannt durch seine erfolgreichen Klagen gegen Meta vor dem EuGH (Schrems I und Schrems II). Sein Vortrag war weniger technisch als politisch — und gerade deshalb wertvoll für ein Publikum, das sich sonst vor allem mit Code beschäftigt.

Schrems zeichnete ein ernüchterndes Bild der aktuellen Datenschutzpraxis: Die DSGVO sei ein gutes Gesetz, werde aber in vielen Mitgliedstaaten unzureichend durchgesetzt. Die Aufsichtsbehörden seien personell und finanziell unterbesetzt. Gleichzeitig steige durch den Einsatz von KI-Systemen der Bedarf an robustem Datenschutz massiv — insbesondere bei Trainingsdaten, die häufig ohne explizite Einwilligung verarbeitet werden.

Bild einer mehr als 15 Jahre alten Präsentation zu PRISM und FAA702
Originalunterlagen der US-Regierung zu PRISM und FAA702
Darstellung des Konflikts der Rechtsordnungen zwischen EU und USA
Konflikt der Rechtsordnungen: EU vs. USA

Lean Compliance — Felix Rüssel

Felix Rüssel zeigte in seinem Vortrag einen pragmatischen Ansatz für regulierte Umgebungen. Sein Kernargument: Compliance und Agilität sind kein Widerspruch, wenn man Compliance als Qualitätsmerkmal begreift und nicht als nachgelagerten Prüfprozess.

Schematische Darstellung, wie die Anzahl der Regulierungen in den vergangenen 5 Jahren angewachsen ist
Die Zahl der Regulierungen ist in den letzten Jahren massiv gestiegen

Statt umfangreicher Dokumentation nach Wasserfall-Muster plädierte er für leichtgewichtige, in den Entwicklungsprozess eingebettete Compliance-Artefakte: automatisierte Policy-Checks in der CI/CD-Pipeline, Living Documents statt statischer Word-Dokumente und eine enge Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und Compliance-Teams von Beginn an.

Übersicht der drei wesentlichen Rollen: Product Manager, Engineer und Compliance Officer
Die drei Rollen im Lean-Compliance-Ansatz
Ansatz der Minimum Viable Compliance als PDCA-Zyklus
Minimum Viable Compliance — ein iterativer Ansatz

Große Softwaresysteme mit LLMs analysieren — Michael Stal (Siemens)

Michael Stal von Siemens stellte SARA vor — ein internes Tool zur Analyse großer, gewachsener Softwaresysteme mithilfe von Large Language Models. Der Anwendungsfall ist nachvollziehbar: Legacy-Systeme mit Millionen Zeilen Code, lückenhafter Dokumentation und wenigen verbliebenen Wissensträgern.

SARA nutzt LLMs, um Codebasen zu durchsuchen, Abhängigkeiten zu identifizieren und Architekturmuster zu erkennen. Die Ergebnisse werden als navigierbare Wissenslandkarten aufbereitet, die neuen Teammitgliedern den Einstieg erleichtern sollen.

Überblick der Gesamt-Architektur des SARA-Projekts
Architekturüberblick des SARA-Projekts von Siemens

Wie die Natur Probleme löst — Anna Melbinger

Ein erfrischend anderer Talk: Anna Melbinger, Physikerin und Forscherin, zeigte biologische Strategien für Problemlösung und deren Übertragbarkeit auf Softwaresysteme. Von evolutionären Algorithmen über Schwarmverhalten bis hin zu Resilienzmustern in Ökosystemen — der Vortrag war ein Plädoyer dafür, über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen.

Schematische Darstellung des Genetic Drift als biologisches Optimierungsprinzip
Genetic Drift — zufällige Variation als Innovationstreiber
Überblick zu Chemotaxis: Wie Bakterien und Motten ihre Ziele finden
Chemotaxis — indirekte Navigation statt direktem Weg
Überblick zu evolutionären Prinzipien und Adaptionsmechanismen
Evolution passiert am Engpass

Besonders interessant war ihre Darstellung von Redundanz in biologischen Systemen: Die Natur baut selten effizient, aber fast immer robust. Ein Prinzip, das in der Softwarearchitektur — wo Effizienz oft über Resilienz gestellt wird — zum Nachdenken anregt.

Übersicht zu T-Zellen-Vielfalt und Innovationsprinzipien des Immunsystems
Innovation braucht Vielfalt — wie bei T-Zellen

KI-unterstütztes Programmieren — Birgitta Böckeler (Thoughtworks)

Birgitta Böckeler von Thoughtworks lieferte einen der fundiertesten KI-Vorträge der Konferenz. Statt allgemeiner Begeisterung oder pauschaler Skepsis differenzierte sie klar zwischen den verschiedenen Einsatzszenarien von KI in der Softwareentwicklung.

Ihr zentrales Konzept: die Unterscheidung zwischen Agentic Engineering und Context Engineering. Agentic Engineering beschreibt den Einsatz von KI-Agenten, die eigenständig Aufgaben übernehmen — von der Code-Generierung bis zur Testautomatisierung. Context Engineering hingegen fokussiert darauf, dem KI-System den richtigen Kontext zu liefern: Architekturentscheidungen, Coding-Standards, Domänenwissen.

Schematische Darstellung der Bausteine eines Coding Assistants rund um die Datei AGENT.MD
Context Engineering: Die Bausteine eines KI-gestützten Coding Assistants
Zitat, dass kleine Modelle bei komplexen Aufgaben nicht mithalten können
Kleine Modelle stoßen bei komplexen Aufgaben an ihre Grenzen
Visualisierung: KI ist kein Hammer, es ist ein Schweizer Taschenmesser
KI als Schweizer Taschenmesser — vielseitig einsetzbar, aber kein Allheilmittel

Missverständnisse zu Softwarearchitektur — Carola Lilienthal

Carola Lilienthal räumte in gewohnt klarer Art mit verbreiteten Missverständnissen auf. Softwarearchitektur sei weder ein einmaliger Entwurf noch die Aufgabe einer einzelnen Person. Architektur entstehe kontinuierlich — durch jede Designentscheidung, jeden Commit, jedes Gespräch über Struktur.

Liste der 8 häufigsten Missverständnisse zu Softwarearchitektur
Die acht Missverständnisse zu Softwarearchitektur
Überblick zu hoher Kohäsion und loser Kopplung
Hohe Kohäsion, lose Kopplung — das zentrale Architekturprinzip

Besonders eindrücklich war ihre Analyse der Diskrepanz zwischen geplanter und tatsächlicher Architektur: In den meisten Projekten weicht die reale Struktur des Codes erheblich von den Architekturdiagrammen ab. Nicht weil die Teams schlecht arbeiten, sondern weil sich Anforderungen ändern und der Druck des Tagesgeschäfts architektonische Erosion begünstigt.

Sichtbarmachung der zyklischen Abhängigkeiten von 327 aus 8 Komponenten, die sich gegenseitig aufrufen
Zyklische Abhängigkeiten — der Big Ball of Mud in der Praxis
Übersicht zu den Architektursichten gemäß arc42
Architekturdokumentation nach arc42

Was Craftsmanship ausmacht — Marco Achtziger

Marco Achtziger stellte das Software Craftsmanship Manifesto in den Kontext aktueller Entwicklungen. Sein Argument: Gerade in einer Zeit, in der KI-Tools Code generieren können, wird handwerkliche Qualität wichtiger — nicht unwichtiger.

Craftsmanship bedeute nicht, alles von Hand zu schreiben. Es bedeute, Verantwortung für die Qualität des Ergebnisses zu übernehmen — unabhängig davon, ob der Code von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben wurde. Die Fähigkeit, generierten Code zu bewerten, zu refactoren und in bestehende Systeme zu integrieren, werde zur entscheidenden Kompetenz.

Zusammenfassung des Vortrags zu Software Craftsmanship
TLDR: Die Kernbotschaften des Craftsmanship-Vortrags
Das Manifest für Software Craftsmanship
Das Manifesto for Software Craftsmanship
Steve Jobs mit einem Zitat über Qualität und Handwerk
Steve Jobs über Qualität und Handwerk

Fazit

Die OOP 2026 hat gezeigt, dass die Branche in einer Phase des Umbruchs steckt, in der KI und traditionelles Softwarehandwerk keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Die besten Vorträge waren nicht die, die KI als Allheilmittel präsentierten, sondern die, die ehrlich über Kosten, Grenzen und die bleibende Relevanz bewährter Prinzipien sprachen.

Übersicht des Gartner Hype Cycle
Der Gartner Hype Cycle — wo steht KI in der Softwareentwicklung?

Der neue Veranstaltungsort im MOC hat der Konferenz gutgetan. Mehr Platz, bessere Räume und eine Atmosphäre, die zum Netzwerken einlädt. Wir kommen 2027 wieder.

Michael Schwarze

Michael Schwarze

Geschäftsführer

Michael Schwarze ist Geschäftsführer von atra consulting und erfahrener Softwareentwickler, -architekt und -manager mit über 30 Jahren Erfahrung. Er hat in Startups und Konzernen gearbeitet und begeistert sich für moderne Softwarearchitekturen und dynamisch-typisierte Sprachen.

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