Vom Laptop am Strand träumen alle — ich war skeptisch
Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das klingt nach LinkedIn-Posts mit Hängematte und Macbook, nach perfekt inszenierten Sonnenuntergängen mit einem Terminal im Vordergrund. Ehrlich gesagt: Ich habe solche Bilder immer mit einem gewissen Augenrollen betrachtet.
Als David dann vorschlug, eine Woche gemeinsam aus Lacanau an der französischen Atlantikküste zu arbeiten — kombiniert mit einem Surf-Camp —, war meine erste Reaktion gemischt. Die Idee klang gut, aber ich hatte Zweifel. Kann man ernsthaft produktiv sein, wenn man morgens in den Wellen steht? Werden Kunden irritiert reagieren? Und vor allem: Reicht das WLAN?
Statt ins Surf-Camp selbst zu ziehen, habe ich mich für ein ruhiges AirBnB mit stabilem Internet entschieden. Die Wellen lagen trotzdem nur zehn Minuten entfernt. Und genau diese Entscheidung hat den Unterschied gemacht.
Das Thema Workation bewegt sich in Deutschland gerade vom Nischenphänomen zum echten Trend — aber die Zahlen zeigen, dass zwischen Wunsch und Wirklichkeit noch eine Lücke klafft:
Die erste Zahl stammt aus einer DIW-Studie, die beiden anderen aus einer PWC-Erhebung. Was mich überrascht hat: Workation ist längst kein reines Gen-Z-Thema mehr. Auch erfahrenere Kolleginnen und Kollegen fragen danach — wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Rechtliche Rahmenbedingungen — weniger kompliziert als gedacht
Bevor ich mit gutem Gewissen den Laptop einpacken konnte, musste ich mich durch ein paar rechtliche Fragen arbeiten. Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Einen Rechtsanspruch auf Workation gibt es in Deutschland nicht. Es braucht eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber — bei uns als Geschäftsführer zum Glück ein kurzer Abstimmungsweg.
Rechtlicher Rahmen für Workation in der EU
Innerhalb der EU macht es einem die Kombination aus Freizügigkeit und DSGVO relativ leicht. Kein Visum, keine komplizierte Datenschutzkonstellation. Trotzdem gibt es Grenzen, die man kennen sollte:
- Steuerlich wird es ab 183 Tagen im Ausland relevant — die sogenannte 183-Tage-Regel aus den meisten Doppelbesteuerungsabkommen.
- Sozialversicherungsrechtlich greift es schon ab 91 Tagen. Für kürzere Aufenthalte gilt weiterhin deutsches Recht, vorausgesetzt man hat eine A1-Bescheinigung der Krankenkasse dabei. Den Antrag am besten zwei Wochen vorher stellen — das geht meist digital.
- Arbeitsrechtlich gibt es in Deutschland keinen Rechtsanspruch auf Workation. Es braucht eine explizite Vereinbarung mit dem Arbeitgeber.
Für eine einzelne Woche ist das alles unkritisch — aber wer länger plant, sollte genauer hinschauen.
Was wirklich funktioniert hat
Rückblickend waren es drei Faktoren, die aus der Woche mehr gemacht haben als nur einen Tapetenwechsel:
Klare Abgrenzung
Fester Rhythmus: 7 bis 10:30 Uhr konzentriert arbeiten, dann drei Stunden Surfen, ab 13:30 Uhr wieder am Schreibtisch. Die harte Zeitgrenze hat mich gezwungen, fokussierter zu arbeiten als im Büro.
Gemeinsames Arbeiten
David saß am selben Küchentisch. Wir haben Ergebnisse geteilt, kurze Abstimmungen zwischen zwei Wellen gemacht und abends über Projekte gesprochen. Das war produktiver als manches Jour Fixe.
Freude auf Feierabend
Wenn der Sonnenuntergang über dem Atlantik die Belohnung für einen produktiven Tag ist, fühlt sich die Zeit anders an. Langsamer. Bewusster. Und der nächste Morgen startet mit echtem Antrieb.
Die richtigen Voraussetzungen schaffen
Nicht alles hat sich von allein ergeben. Ein paar Dinge musste ich bewusst vorbereiten, damit die Woche funktioniert.
Infrastruktur: Ich hatte einen tragbaren zweiten Monitor dabei und Noise-Cancelling-Kopfhörer. Klingt banal, aber ohne den zweiten Bildschirm hätte ich in der Hälfte der Zeit die doppelte Frustration gehabt. Das AirBnB habe ich explizit nach Internetgeschwindigkeit ausgesucht — Glasfaser war das K.o.-Kriterium.
Projektkommunikation: Zwei Wochen vorher habe ich Kunden und Team informiert, dass ich remote aus Frankreich arbeite. Erreichbar, aber nicht für Routinemeetings verfügbar. Überraschenderweise hat niemand protestiert. Im Gegenteil: Mehrere Kunden fanden es gut, dass wir das vorleben, was wir in der Beratung oft empfehlen.
Der richtige Ort: Das AirBnB war ruhig genug für Kundencalls. Ein Surf-Camp mit Gemeinschaftsräumen wäre für konzentriertes Arbeiten unmöglich gewesen. Wer Workation ernst meint, braucht einen Rückzugsort — nicht nur für die Arbeit, sondern auch für den Kopf.
Was ich mitgenommen habe
Die Woche hat zwei Dinge bestätigt, die ich vorher nur vermutet hatte.
Pausen machen produktiv. Nicht die fünf Minuten Kaffee zwischendurch, sondern echte körperliche Pausen. Drei Stunden Surfen mitten am Tag klingen nach Zeitverschwendung. Aber die Nachmittagssessions waren mit Abstand meine produktivsten der ganzen Woche. Der Kopf war frei, die Gedanken sortiert, und die Lösungen für Probleme kamen fast von allein.
Wir haben zu viele Meetings. Das höre ich nicht nur von unseren Kunden — ich habe es in dieser Woche selbst gespürt. Ohne die üblichen Routine-Termine blieb plötzlich zusammenhängende Zeit zum Denken und Arbeiten. Drei, vier Stunden am Stück an einem Thema — wann passiert das im normalen Büroalltag?
Fazit — es kommt darauf an, warum man fährt
Workation nur für den Tapetenwechsel? Dafür lohnt sich der Aufwand nicht. Ein anderer Schreibtisch vor einem anderen Fenster macht die Arbeit nicht besser — nur anders.
Aber Workation als bewusste Kombination aus einer Aktivität, die einem etwas gibt, und konzentrierter Arbeit in guter Gesellschaft? Das hat für mich funktioniert. Richtig gut sogar.
Die Woche in Lacanau hat mir gezeigt, dass mobiles Arbeiten dann am besten funktioniert, wenn es nicht um das Arbeiten trotz Ablenkung geht, sondern um das Arbeiten neben etwas, das einen auflädt. Surfen war für mich dieser Gegenpol. Für andere ist es vielleicht Wandern, Klettern oder einfach eine Stadt, die man schon immer erkunden wollte.
Und ja — ich stand am Ende der Woche tatsächlich auf mehr als nur einer Welle. David war trotzdem der bessere Surfer. Aber das war auch vorher schon so.
Geschäftsbereichsleitung «Finanzdienstleistungen»
Daniel ist seit 2017 in der IT-Branche aktiv und bringt seine umfassende Erfahrung als Senior Managing Consultant und Geschäftsbereichsleiter bei atra consulting ein. Besonders begeistert ihn das Zusammenspiel technischer, methodischer und organisatorischer Aspekte. Seine Kunden unterstützt er als Softwarearchitekt, agiler Coach und Berater bei der nachhaltigen und zielgerichteten Umsetzung von Entwicklungsprojekten.