Zwei Tage Frontend in Köln
Die c’t webdev fand dieses Jahr am 4. und 5. Dezember in Köln statt — zwei Tage vollgepackt mit Vorträgen rund um Webentwicklung, Frontend-Architektur und den unvermeidlichen Einfluss von KI auf unsere Arbeit. Im Vergleich zu den großen Architekturkonferenzen ist die c’t webdev bewusst praxisnah und technisch tief. Hier reden Entwicklerinnen und Entwickler für Entwicklerinnen und Entwickler.
Tag 1
Keynote: Von Copilot zu Autopilot — Daniel Sogl
Daniel Sogl eröffnete die Konferenz mit einem Überblick über den aktuellen Stand der KI-gestützten Entwicklung. Die Zahlen waren beeindruckend: 84 % der befragten Entwickler nutzen mittlerweile KI-Tools im Arbeitsalltag. Was auf den ersten Blick nach einem Erfolg klingt, hat eine Kehrseite — Sogl nannte es das Trust Paradox.
Die Nutzung von KI-Assistenten führt zu einem Anstieg von +322 % bei Permission-Issues in Produktivsystemen. Der Grund: Generierter Code wird weniger kritisch geprüft als selbst geschriebener. Das Vertrauen in die Maschine übersteigt die tatsächliche Zuverlässigkeit — ein Muster, das aus der Automatisierungsforschung bekannt ist.
Signals in Depth — Garrelt Mock
Garrelt Mock lieferte einen der technisch fundiertesten Talks der Konferenz. Er zeichnete die Evolution des State Managements in Frontend-Frameworks nach — von Dirty Checking (AngularJS) über Virtual DOM (React) bis hin zum aktuellen Paradigma: Signals.
Signals versprechen feingranulare Reaktivität ohne den Overhead eines Virtual DOM Diff. Frameworks wie Solid, Angular (seit v16) und Preact setzen bereits darauf. Mock zeigte anhand konkreter Benchmarks, wie Signals die Performance bei komplexen UI-Updates verbessern — und wo die Grenzen liegen.
AI Agents — Sebastian Springer
Sebastian Springer demonstrierte den Einsatz von LangChain zur Erstellung von KI-Agents, die über einfache Code-Generierung hinausgehen. Sein Fokus lag auf Agents, die eigenständig Recherche betreiben, APIs anbinden und mehrstufige Aufgaben lösen können. Die Live-Demo war beeindruckend — und gleichzeitig ein guter Anlass, über die Kontrolle solcher Systeme nachzudenken.
Monolith to Microfrontends — Yi Min Yang (Vercel)
Yi Min Yang von Vercel zeigte den Migrationspfad von einem monolithischen Frontend zu einer Microfrontend-Architektur. Statt dogmatisch auf eine bestimmte Lösung zu setzen, betonte sie die Bedeutung der schrittweisen Migration: Module Federation als Brückentechnologie, Feature Flags für den kontrollierten Rollout und klare Team-Ownership als Voraussetzung.
KI: Trust Paradox
84 % Adoption, aber +322 % Permission-Issues. KI-Code wird zu wenig geprüft.
Signals
Das neue Reaktivitätsparadigma. Feingranular, performant, frameworkübergreifend.
KI-Agents
LangChain-basierte Agents für mehrstufige Aufgaben jenseits der Code-Generierung.
Microfrontends
Schrittweise Migration statt Big Bang. Module Federation als Brückentechnologie.
Tag 2
Nobody needs UX — Vicky Pirker
Ein provokanter Titel, der sein Versprechen einlöste. Vicky Pirker argumentierte, dass der Begriff „UX” in vielen Organisationen zum Lippenbekenntnis verkommen sei. Teams behaupten, User Experience ernst zu nehmen — testen aber nie mit echten Nutzern, ignorieren Accessibility und optimieren Interfaces für Stakeholder statt für Endanwender.
Ihr Plädoyer: Weniger UX-Theater, mehr echte Nutzerforschung. Und wenn das Budget dafür nicht da ist, dann wenigstens Hallway Testing — fünf Minuten mit einer unbeteiligten Person vor dem Rechner können mehr Erkenntnisse liefern als ein zweistündiges Stakeholder-Review.
EXACT Coding — Marco Emrich
Marco Emrich lieferte eine der pointiertesten Kritiken an der aktuellen „Vibe Coding”-Bewegung. Sein Gegenvorschlag: EXACT Coding — ein Akronym, das für einen disziplinierten, testgetriebenen Entwicklungsansatz steht.
Sein Kernargument: Vibe Coding — das schnelle, intuitive Generieren von Code mit KI-Unterstützung — funktioniert für Prototypen und Wegwerfcode. Für produktive Systeme braucht es aber etwas anderes: klare Spezifikationen, automatisierte Tests und ein Verständnis dafür, was der generierte Code tatsächlich tut. TDD sei nicht das Gegenteil von KI-unterstützter Entwicklung, sondern ihre notwendige Ergänzung.
AG-UI & MCP Protocols
Ein technisch dichter Talk über neue Protokollstandards für die Kommunikation zwischen KI-Agents und Benutzeroberflächen. Das Agent-User Interaction Protocol (AG-UI) standardisiert, wie KI-Agenten mit Frontend-Komponenten interagieren — von der Anzeige von Zwischenergebnissen bis zur Bestätigung kritischer Aktionen. Das Model Context Protocol (MCP) definiert, wie Kontextinformationen zwischen verschiedenen KI-Systemen ausgetauscht werden.
Beide Protokolle stehen noch am Anfang, haben aber das Potenzial, die Integration von KI in Webanwendungen grundlegend zu verändern.
Accessible Web Components
Den Abschluss bildete ein praxisnaher Workshop zu barrierefreien Web Components. Der Fokus lag auf ARIA-Attributen, Keyboard-Navigation und den häufigsten Fehlern, die Entwickler bei Custom Elements machen. Besonders wertvoll: eine Checkliste für die gängigsten UI-Patterns (Dialoge, Dropdowns, Tabs), die direkt im Projektalltag einsetzbar ist.
Fazit
Die c’t webdev bleibt eine der besten deutschsprachigen Konferenzen für Frontend-Entwicklung. Die Mischung aus technischer Tiefe und praxisnahen Talks trifft genau die richtige Balance. Die KI-Themen waren präsent, aber nicht dominant — und die kritischen Stimmen (EXACT Coding, Trust Paradox) haben gezeigt, dass die Community nicht blind der Hype-Welle folgt.
Praxisnähe
Talks mit echtem Code statt Marketing-Slides. So muss eine Entwicklerkonferenz sein.
Ausgewogener KI-Diskurs
Weder Euphorie noch Ablehnung — sondern ein differenzierter Blick auf Chancen und Risiken.
Accessibility im Fokus
Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal, nicht als Pflichtübung. Ein wichtiges Signal.
Senior Consultant
Timo Kaiser ist als Senior Consultant bei atra consulting tätig und unterstützt Kunden in den Bereichen Software Engineering und agile Transformation.