Ausgangslage vor der Krise
Der deutsche Softwaremarkt zeigte vor der Corona-Krise solide Wachstumszahlen. Das Bruttoinlandsprodukt lag 2019 bei einem Plus von 1,1 Prozent — ein moderates Wachstum in einem bereits reifen Konjunkturzyklus. Der Softwaremarkt entwickelte sich mit einem Plus von 6,4 Prozent deutlich dynamischer und bestätigte damit einen langfristigen Trend: Über die vergangenen Jahre lag das Wachstum des Softwaremarkts im Schnitt 5,3 Prozentpunkte über dem BIP-Wachstum.
Dieser historische Vorsprung ist der entscheidende Faktor für jede Prognose. Er spiegelt die strukturelle Bedeutung der Digitalisierung wider — unabhängig von konjunkturellen Schwankungen investieren Unternehmen und Verwaltungen in Software, weil sie müssen, nicht weil sie wollen.
Die erste Prognose: Bundesfinanzministerium
Das Bundesfinanzministerium rechnete Anfang April 2020 mit einem BIP-Rückgang von rund -6 Prozent. Legt man den historischen Vorteil des Softwaremarkts zugrunde, ergibt sich daraus eine erste Schätzung:
-6,0 % BIP + 5,3 Prozentpunkte Vorteil = -0,7 % Softwaremarkt
Ein Rückgang — aber ein vergleichsweise moderater. Zum ersten Mal seit Jahren würde der Softwaremarkt nicht wachsen, aber er würde auch nicht einbrechen.
Die Szenarien des Sachverständigenrats
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung legte drei Szenarien vor, die jeweils unterschiedliche Verläufe der Krise abbilden:
Übertragen auf den Softwaremarkt — jeweils mit dem historischen Vorteil von 5,3 Prozentpunkten — ergeben sich folgende Bandbreiten:
Selbst im pessimistischsten Szenario des Sachverständigenrats bewegt sich der Softwaremarkt also nahe der Nulllinie — weit entfernt von den drastischen Einbrüchen, die andere Branchen treffen.
Warum der Softwaremarkt widerstandsfähiger ist
Zwei strukturelle Faktoren stützen die vergleichsweise optimistische Einschätzung:
Digitalisierungsdruck steigt in der Krise. Die Corona-Pandemie hat Schwächen in der digitalen Infrastruktur schlagartig sichtbar gemacht. E-Commerce-Plattformen waren mit dem Ansturm überfordert, Behörden kämpften mit papierbasierten Prozessen, und Unternehmen ohne digitale Vertriebskanäle standen plötzlich ohne Kundenkontakt da. Dieser Schock erzeugt Investitionsdruck — gerade in Software.
IT-Arbeit ist ortsunabhängig. Während produzierende Betriebe, Gastronomie und Einzelhandel durch Kontaktbeschränkungen und Schließungen unmittelbar betroffen sind, kann Softwareentwicklung und IT-Beratung nahezu vollständig im Home Office stattfinden. Die Lieferfähigkeit der Branche bleibt erhalten — ein entscheidender Vorteil gegenüber Sektoren, die physische Präsenz voraussetzen.
Fazit
Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass der deutsche Softwaremarkt die Corona-Krise vergleichsweise gut überstehen wird. Der historische Vorsprung von 5,3 Prozentpunkten gegenüber dem BIP federt selbst deutliche Konjunktureinbrüche ab. Im wahrscheinlichsten Szenario bleibt ein moderates Wachstum möglich, im pessimistischsten Fall steht eine Stagnation nahe der Nulllinie.
Für IT-Dienstleister und Softwareunternehmen bedeutet das: Die Krise wird spürbar sein, aber sie wird die Branche nicht grundlegend erschüttern. Die größere Herausforderung liegt darin, die richtigen Schwerpunkte zu setzen — denn die Nachfrage wird sich verschieben, nicht verschwinden.
Geschäftsführer
Michael Schwarze ist Geschäftsführer von atra consulting und erfahrener Softwareentwickler, -architekt und -manager mit über 30 Jahren Erfahrung. Er hat in Startups und Konzernen gearbeitet und begeistert sich für moderne Softwarearchitekturen und dynamisch-typisierte Sprachen.